Byzanz auf dem Wege zum Feudalismus

Die Themenordnung

  • In den Kämpfen gegen Slawen und Perser hatte sich die Unzuverlässigkeit des byzantinischen Heeres gezeigt. Es bestand hauptsächlich aus Söldnern. Darüber hinaus fehlte es dem von allen Seiten bedrängten Staat an Geld, um sie bezahlen zu können. Deshalb wurden sie in den dem Reich verbliebenen Gebieten fest angesiedelt. Die Soldaten erhielten ein kleines Stück Land als Besitz. Sie wurden zu Bauern, die in Friedenszeiten ihr Land selbst bearbeiteten. Dafür waren sie im Krieg zu Militärdienst verpflichtet. In Kleinasien wurden vom Kaiser Herakleios (610 bis 641) vier große Militärbezirke (griechisch „Themen“ genannt) geschaffen. An der Spitze jedes Themas standen Befehlshaber. Ähnlich wie die fränkischen Grafen führten sie die ihnen unterstellten Soldaten in den Kampf, leiteten die Rechtsprechung und verwalteten ihre Gebiete.

Stand ein neuer Feldzug bevor, dann hatte der Soldat die Pflicht, ausgerüstet und mit einem Pferd versehen, im Mittelpunkt des örtlichen Militärbezirks zu erscheinen. Die Kommandeure machten sich mit großer Sorgfalt an die Besichtigung der Soldaten und ihrer Ausrüstung. In einem Bericht aus dieser Zeit wird von einem Soldaten erzählt, dessen Pferd beim Anmarsch zur Besichtigung plötzlich tot umfiel. Da der Soldat nichts besaß, um sich ein neues Pferd zu kaufen, geriet er in große Schwierigkeiten, denn der Hundertschaftsführer drohte ihm unerbittlich mit seinem Zorn.

Durch diese Veränderungen war Byzanz zu einem Land mit freien Bauernkriegern geworden. Neben Ähnlichkeiten gab es auch bedeutsame Unterschiede zwischen Byzanz und dem Frankenreich. Während der Frankenkönig von verschiedenen Pfalzen aus regierte, gab es im Byzantinischen Reich ein Zentrum, die mächtige Stadt Konstantinopel. Zwischen den Beamten des kaiserlichen Hofes und den Kommandeuren kam es bald zu Streitigkeiten. Aus diesen Kommandeuren entwickelte sich allmählich ein neuer Militäradel (Themenadel), der ähnlich wie im Frankenreich versuchte, die freien Bauern zu unterjochen und in Grundherrschaften Fronarbeit und Abgaben von ihnen zu erpressen. Der Beamtenadel der Hauptstadt wollte die Bauern dagegen durch staatliche Steuern ausbeuten

Beide Formen der Unterdrückung riefen den Widerstand der Landbevölkerung hervor. So kam es in den Jahren 820 bis 824 zu dem großen Aufstand unter Thomas dem Slawen.

Thomas war, wie sein Beiname besagt, slawischer Herkunft. Er hatte lange im kaiserlichen Heer gedient und war daher ein in der Kriegskunst erfahrener Mann. Er sammelte eine große Streitmacht von armen Leuten aus Stadt und Land um sich und zog mit ihnen nach Konstantinopel, um selbst Kaiser zu werden. Weil er wusste, dass die Hauptstadt nur durch gleichzeitigen Angriff zu Wasser und zu Lande eingenommen werden konnte, baute er eine große Flotte auf. Konstantinopel wurde ein Jahr belagert, ehe die Regierung die Aufständischen mit Hilfe des Bulgarenherrschers schlagen konnte. Die Aufständischen mussten sich in verschiedene befestigte Städte zurückziehen. Der Kaiser bot ihnen an ihr Leben zu schonen, wenn sie den Kampf einstellten. Aber die Aufständischen zogen den Tod der schimpflichen Übergabe vor. Erst als ein Erdbeben die Mauern des letzten Widerstandszentrums zerstörte, konnte der Aufstand endgültig unterdrückt werden. Thomas selbst war schon einige Zeit vorher den kaiserlichen Soldaten in die Hände gefallen und nach grausamen Foltern hingerichtet worden.

 

Vorderansicht einer byzantinischen Münze mit Abbildung von Kaiser Herakleios und seinem Sohn.

Erschreckt durch die Volksbewegung, einigten sich die streitenden Gruppen der Herrschenden Klasse, der Themenadel und der städtische Beamtenadel, zunächst auf ein einheitliches Vorgehen gegen die Bauern. Um den Widerstand der bäuerlichen Dorfgemeinden zu brechen, schränkte der Staat die Freiheit der Bauern nach und nach immer mehr ein. Wehrbauern und andere ländliche Produzenten wurden zu Staatsbauern. Dem Staat gehörte Grund und Boden, er war feudales Staatseigentum. Die Bauern mussten an den Staat hohe Steuern entrichten und waren füreinander verantwortlich, wenn ein Mitglied der Gemeinde nicht zahlen konnte. Sie wurden zu Frondiensten gezwungen, mussten Festungen, Schiffe, Brücken und Wege bauen und Holz fällen. Sie hatten die kaiserliche Post zu befördern und kaiserliche Beamte zu verpflegen, die in die Provinzen reisten. Für den kaiserlichen Hoff mussten sie Getreide, Geflügel und Fische abliefern.

Steuern und Abgaben flossen vor allem in die Hauptstadt Konstantinopel. Die zahlreichen Beamten des kaiserlichen Hofes und der Staatsverwaltung füllten damit ihre Taschen. Aber auch die Händler und Handwerker hatten Nutzen davon, denn der Kaiser und seine Beamten wollten nicht nur gut essen, sie wollten sich auch prächtig kleiden, kostbare Ringe tragen und reich ausgestattete Häuser und Paläste bewohnen. Alle diese Dinge wurden von Handerkern der Stadt hergestellt. Neben vielen kleinen Handwerksbetrieben gab es auch große Werkstätten, in denen Lohnarbeiter und auch die Sklaven ausgebeutet wurden. Sie gehörten entweder dem Staat oder hohen Beamten, die sich dadurch zusätzliche Einkünfte verschafften.

  • An Stelle der Naturalwirtschaft in West- und Mitteleuropa hatte der frühe Feudalismus in Byzanz eine geld- und warenwirtschaftliche Grundlage. Konstantinopel war mit etwa 300 000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Kaufleute aus Italien, der Kiewer Rus und dem arabischen Kalifat und vielen anderen Ländern trafen sich in Konstantinopel und verbreiteten in der ganzen Welt den Ruhm dieser Stadt.
Die Hagia Sophia in Istanbul, umgeben von Minaretten und der Landschaft, mit Blick auf das Wasser im Hintergrund.
Text über die Hagia Sophia, ein Meisterwerk byzantinischer Kunst, erbaut zwischen 533 und 537 unter Kaiser Justinian I. Der Text beschreibt ihre Geschichte als Kirche, Umwandlung in eine Moschee und späteres Museum.

Die Hagia Sophia

In Konstantinopel ließ Kaiser Justian I. von 533 bis 537 die Hagia Sophia erbauen. Sie ist ein Meisterwerk byzantinischer Kunst und galt als berühmteste Kirche der christlichen Welt. Später wurde sie in eine Moschee umgewandelt. Seit 1935 befindet sich in ihr ein Museum für römische und byzantinische Kunst.

Innenansicht der Hagia Sophia mit Sicht auf die Kuppel, die von zahlreichen Fenstern erleuchtet wird. Marmorsäulen teilen den Raum in zwei Etagen. Leuchter hängen an der Spitze der Kuppel.

Innenansicht der Hagia Sophia. Vierzig Fenster in der Kuppel geben der Mitte des gewaltigen Raumes Licht. Marmorsäulen, die in zwei Etagen errichtet wurden, teilen den Hauptteil des Gebäudes von den Seitenteilen ab. Der Fußboden und die Wände sind mit verschiedenfarbigem Marmor ausgelegt. An der Spitze der Kuppel und zwischen den Säulen sind Leuchter sichtbar.

Ein Auszug aus einem Bericht eines Besuchers von Konstantinopel im 11. Jahrhundert, der die Schönheit und den Reichtum der Stadt beschreibt.

Aus Bericht eines Besuchers der Stadt Konstantinopel im 11. Jahrhundert

„Oh, welch eine prächtige Stadt, wie stolz, wie schön, wie viele Klöster gibt es darin, wie viele Paläste, mit bewundernswerter Meisterschaft erbaut! Wie viele für das Auge ebenso staunenswerter Dinge in den Straßen und auf den Plätzen! Es wäre zu ermüdend, wollte man den Überfluss an Reichtümern aller Art an Gold, Silber, verschiedenartigen Stoffen und heiligen Reliquien, aufzählen.

Immerfort laufen Schiffe den Hafen an, so dass man mit allem gut versorgt ist, was man braucht.“

Das einheitliche Vorgehen der beiden Gruppen der herrschenden Klasse gegen die Bauern dauerte nicht lange. Im 10. Jahrhundert begann der Themenadel seinen Großangriff auf die bäuerliche Dorfgemeinde und setzte die grundherrschaftliche Form der Ausbeutung endgültig durch. Die Schaffung von Grundherrschaften wurde dadurch erleichtert, dass die Dorfgemeinden durch die Steuern und die Abhängigkeit vom Staat bereits stark geschwächt waren. Auch Lehen wurden seit dieser Zeit in begrenztem Umfang vergeben. Ein Lehnswesen wie in West- und Mitteleuropa bildete sich jedoch nicht heraus. Der Feudalismus in Byzanz wies einige Besonderheiten auf.

Historischer Text über ein Gesetz des Kaisers Romanos I. von 934, das sich mit den Bedingungen der Bauern und deren Berücksichtigung im Staatswesen befasst.

Aus einem Gesetz des Kaisers Romanos I. vom Jahre 934, das Vorgehen des Themenadels gegen die Bauern betreffend. 

„Der Machtmissbrauch durch solche Menschen, die mit einer großen Anzahl von Mietlingen, Sklaven und Gefolgsleuten aller Art in die Dörfer eindringen, vergrößert nicht nur die Bürde der Armen und führt zu Aufständen und Verfolgungen, Fronforderungen, Bedrängnissen und Erpressungen, sondern…gereicht auch zum unmittelbaren und nicht geringen Schaden für den Staat. Und dies ist so, weil gerade der bäuerliche Besitz zwei wesentlichen staatlichen Bedürfnissen entspricht, indem so Abgaben an die Staatskasse fließen und Militärdienst geleistet wird. Dieses und jenes muss sich notgedrungen verringern, wenn die Zahl der (Staats-)Bauern abnimmt.

Anstatt den Armen, die (wegen schlechter Ernten) hungerten, Mitgefühl zu zeigen, beeilten sie sich, durch Geld oder Getreide oder andere Dinge, die sie als Entgelt gaben, die Bodenanteile der Unglücklichen billig zu erwerben.“

Das byzantinische Reich ist im Jahre 1453 untergegangen. Es hat in den mehr als tausend Jahren seines Bestehens jedoch einen großen politischen und kulturellen Einfluss auf seine Nachbarn ausgeübt.

Panoramablick auf ein Kloster, das auf einer Felsformation gebaut ist, umgeben von Bergen und Lagern der natürlichen Umgebung.

Byzantinisches Kloster

Von Byzanz aus verbreitete sich das Christentum bei den Süd- und Ostslawen, z.B. in Bulgarien und in der Kiewer Rus. Byzantinische Missionare (=Sendboten, Beauftragte) schufen das erste slawische Alphabet und legten damit den Grundstock für die slawische Schrift. Auf dem Wege über Byzanz wurde Westeuropa mit dem Geheimnis der Seidenerzeugung und vielen anderen handwerklichen Fertigkeiten bekannt. Werke byzantinischer Kunst befanden sich auch in den Museen der DDR (heute vermutlich in den neuen Bundesländern) und zeugen vom Können byzantinischer Handwerker und Künstler.

Gefäß aus Bergkristall mit goldenem Deckel und Verzierungen, verziert mit kostbaren Steinen.

Gefäß aus Bergkristall, besetzt mit kostbaren Steinen

Die herrschende Klasse in Byzanz stärkte unter Leitung der Kaiser ihre Macht. Mit Hilfe der Themenordnung übergab sie Soldaten Land. So wurde Byzanz ein Land freier Bauernkrieger. Die Ausbeutung der Bauernkrieger rief den Widerstand des Volkes hervor. Unter Thomas dem Slawen kämpfte das Volk jahrelang in einem großen Aufstand. Die herrschende Klasse einigte sich und besiegte die Aufständischen. Die Mitglieder der herrschenden Klasse wurden zu Feudalherren, die die Bauern ähnlich wie im Frankenreich ausbeuteten. Byzanz übte einen großen Einfluss auf andere europäische Länder aus.

Ein Cover eines Geschichtsbuches mit dem Titel 'Geschichte 6', zwei mittelalterliche Figuren, die sich die Hände reichen, und ein historisches Gebäude in Schwarz-Weiß darunter.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 6. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

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